Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage nach Bobath für Erwachsene

Was ist eigentlich Bobath?

Entwickelt wurde das Bobath – Konzept von Berta Bobath (Physiotherapeutin) und ihrem Ehemann Dr. Karel Babath (Neurologe). Ihr gemeinsames Interesse lag in der Behandlung von Patienten, die durch Hirnfunktionsstörungen z.B. nach einem Schlaganfall, Funktions- und Bewegungsstörungen hatten. Sie stellten fest, dass sich Symptome eines Schlaganfalls wie z.B. Spastizität (erhöhter Muskelspannung), oder aber schlaffe Lähmungen, durch Lagerungen, Stellungen und Bewegungen beeinflussen lassen.

Bausteine des Bobath – Konzeptes

Eine Kooperation des gesamten Teams (Ärzte, Pflege, Therapeuten) ist erforderlich, um ein gezieltes Training in alltäglichen Situationen durchzuführen. Folgende kleine Beispiele zeigen dies:

  • Die gelähmte Seite wird so oft wie möglich in die Alltagsbewegungen integriert. Das Zimmer wird so gestaltet, dass die Ansprache und der Kontakt immer über die betroffene Seite stattfinden. Der Nachtschrank steht auf der betroffenen Seite, um die Wahrnehmung und Orientierung zu fördern.
  • Bei der Grundpflege (z.B. Waschen) wird von der Mittellinie zur gelähmten Seite hinübergewaschen.
  • Im Bett, oder Rollstuhl wird die betroffene Seite durch Kissen in eine schmerzfreie und angenehme Position gebracht, d.h. es wird gelagert. Training von Alltagsbewegungen ( selbständiges An- und Ausziehen, Umsetzen, Waschen usw.)

Bobath-Therapie

Hat man ein normal funktionierendes zentrales Nervensystem (ZNS), weiß man es meist nicht zu schätzen, mit welcher Leichtigkeit Bewegungen ausgeführt werden. Die Motorik läuft automatisch und ökonomisch ab. Bewegungshandlungen wie z.B. das Händewaschen werden gedankenlos mehrmals am Tag verrichtet.

Analyse einer Alltagsfunktion, die viel „Komplizierter“ ist, als wir meinen

Das Händewaschen ist üblicherweise eine Tätigkeit, die im Stehen ausgeführt wird. Man ist zum Waschbecken gegangen, bleibt frontal vor dem Becken stehen. Eventuell berührt man das Waschbecken, vielleicht lehnt man sich an. Der Oberkörper wird leicht vorgebeugt, dreht sich, neigt sich seitwärts und richtet sich wieder auf. In unterschiedliche Richtungen muss der Körper agieren. Eventuell streift man einen Ring ab, oder legt seine Uhr weg. In welcher Relation zum Körper befinden sich die Wasserhähne? Wie funktionieren sie? Wo liegt die Seife? Muss sie vielleicht erst aus der Verpackung genommen werden? Ist sie nass und glitschig? Seifenspender? Wo hängt das Handtuch? Papierhandtuch? Händetrockner? Man dreht das Wasser auf, seift die Hände ein, reibt sie aneinander, spült die Seife gründlich ab, dreht das Wasser wieder ab, schüttelt das Wasser von den Händen und trocknet sie ab. Vielleicht cremt man sich die Hände anschließend ein. Die ganze Tätigkeit läuft flink und ohne zu überlegen ab. Wir können dabei über irgendetwas ganz anderes nachdenken und uns unterhalten.

Während dieser Tätigkeit ringen wir nicht um unser Gleichgewicht. Wir schaffen es die Arme zu heben, zu halten und zu bewegen. Die Wasserhähne zu betätigen. Wie ist es, wenn einem die Seife immer wieder aus der Hand flutscht, die Hände aus eigener Ungeschicklichkeit nicht sauber oder trocken werden. Wie ist es, wenn das ZNS nicht die nötige Hirnleistung hat, die es ermöglicht, diese Handlung mit dem richtigen Plan, in der richtigen Reihenfolge und im normalen Tempo auszuführen?

Voraussetzungen für Handlungen sind das richtige Zusammenspiel von Kopf, Rumpf, Beinen und Armen, die das Stehen am Waschbecken und das Halten des Gleichgewichtes ermöglichen.

Die Durchführung von Alltagssituationen in der Behandlung verdeutlicht die Leistungsgrenze des Patienten. Als Physiotherapeut muss ich spüren, wie der Patient etwas macht, warum er etwas nicht kann, wo das Hauptproblem liegt, wie die Anforderungen der einzelnen Körperabschnitte zusammenhängen, wann der Patient überfordert ist und wie er dabei reagiert.

Dann wird ein Behandlungsplan erstellt. In der Therapie wird an der Qualität einzelner Bewegungen gearbeitet, die dann zu einer Handlung in den Alltag übertragen werden. Da die Steuerung im Gehirn gestört ist, werden falsche Kombinationen der motorischen Antwort ( Bewegung) weiter geleitet. Dies erklärt, warum Patienten mit einer Halbseitenlähmung den Arm nicht funktionell einsetzen können. Einzelbewegungen reichen für komplexe Handlungen aber nicht aus. Spastizität behindert harmonische Bewegungen. Die unterschiedlichen Muskelspannungen sind nicht selten ein großes Hindernis für Bewegungen.

Ziele der Bobath-Therapie

  • Erarbeiten der Körpersymmetrie und des Gleichgewichts in verschiedenen Positionen. ( Sitz, Stand, Gang)
  • Erarbeiten von alltäglichen Handlungen.
  • Verbesserung der Funktionen der gelähmten Seite und Einbeziehung dieser bei Handlungen.
  • Selbständigkeitstraining (Waschen, Essen, An- und Ausziehen, Umsetzen ins Auto) Verhindern von Schmerzen und Bewegungseinschränkungen der Gelenke.
  • Sensibilitäts- und Wahrnehmungsschulung der Sinne, um der betroffenen Seite Informationen über die Lage und Stellung des Körpers zueinander und im Raum zu geben.
  • Tonusregulation. Hier unterscheidet man zwischen einer schlaffen und einer spastischen Muskelspannung. Um Bewegungen zu erlernen, muss der Patient lernen, seine Muskelspannung aktiv zu beeinflussen. Diese entweder zu senken, oder zu erhöhen.

Das Bobath-Konzept wird noch heute ständig weiterentwickelt und neuen Erkenntnissen aus der Wissenschaft angepasst. Die Therapie ist ohne Alterseinschränkungen anwendbar. Vom Säugling bis ins hohe Alter werden Patienten nach Bobath behandelt. Die Bobath-Therapie wird z.B. bei Säuglingen, die vor oder unter der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten haben, ebenso eingesetzt, wie bei Erwachsenen nach einem Schlaganfall. Insgesamt findet die Therapie ihren Einsatz bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems (z.B. bei Multipler Sklerose, Morbus Parkinson) oder anderen neurologischen Erkrankungen.